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"Die Schule des Sehens." Der Umbau des Senckenberg Naturkundemuseums in den 1960er Jahren

Experimente | | von Sarah Schneider

  1. Interview mit Bernd Herkner, Leiter der Abteilung Museum, am 26. Februar 2014.

Dem Senckenberg Naturkundemuseum steht ein großer Umbau bevor: Der gesamte Ausstellungsbereich wird zurzeit neu konzipiert.1 Einer solchen umfassenden Umbaumaßnahme geht meist ein Reflexionsprozess voraus, der mitunter zu einer Neuausrichtung oder -konzeption des Museums führen kann. Ein Beispiel dafür liefert der letzte große Umbau des Museums in den 1960er Jahren unter dem damaligen Direktor Prof. Dr. Wilhelm Schäfer. Die durch ihn geschaffene Museumswelt, die in dieser Arbeit im Fokus steht, wurde allerdings bereits während des Umbaus im Jahre 2003 in Teilen durchbrochen. Vieles, so das Treppenhaus und einzelne Ausstellungsbereiche, wie etwa die Dinosaurierausstellung, wurden damals in den Zustand vor dem in den 1960er Jahren erfolgten Umbau zurückversetzt oder neu gestaltet. Trotz allem sind heute noch Spuren dieses früheren Umbaus zu finden.

  1. Abbildung 1: Der erste große Lichthof nach dem Umbau im Jahre 2003. Im Hintergrund ist in der hinteren, linken Ecke noch das Bein der Goliath-Echse zu sehen, wie Wilhelm Schäfer sie damals aus-stellen ließ. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. Positionspapier von Dr. Wolfgang Klausewitz, "Senckenberg-Museum mit neuem Antlitz", Juni 1966; Institut für Stadtgeschichte, Sammlungen S3 Ortsgeschichte, N8253, Senckenbergmuseum 1965-1969 (die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).
  3. Interview mit Bernd Herkner am 8. November 2013.
  4. Hier und im Folgenden Johannes Grossmann, "-", in: FAZ, 24. März 1966.

Abbildung1 2 Passend zum 150-jährigen Bestehen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft im Jahre 1967 wurde der Umbau fertig gestellt und das ganze Museum nach neuen Gesichtspunkten eingerichtet. "Spielerischer Jugendstil und kostbare Naturobjekte, insbesondere riesige Saurier und andere Dokumente längst vergessener Epochen, vertragen sich nicht miteinander", erläuterte Wolfgang Klausewitz, damals Leiter der Ichthyologie, die Umbaumaßnahmen, schließlich müsse ein "Naturmuseum, will es nicht verstaubt und veraltet wirken, seine Schausammlung nach modernen ausstellungstechnischen Gesichtspunkten einrichten."3 Ergo sollte das Museum ein neues Aussehen bekommen – modern, mit geraden Linien.4 Entsprechend äußerte sich auch der damals verantwortliche Wilhelm Schäfer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. März 1966: "Die Pseudorenaissance-Architektur des Baumeisters Neher aus dem Jahre 1906 war ein nicht länger zu ertragender Widerspruch zu dem, was in ihr gezeigt wurde. Sie war selbstherrlich und degradierte das, was das Wichtigste sein sollte, zum Requisit. Ein Grundsatz […] muss es sein, […] die Objekte in den Vordergrund zu schieben."5

  1. Ein Teilgebiet der Paläontologie, das die Entstehung Fossilien durch die Beobachtung in der Gegenwart ablaufender Prozesse zu erklären versucht.
  2. Harald Steinert, "New Look für Saurier und Fossilien", in: Die Welt, 19. März 1966.

Pünktlich zum Jubiläum 1967 sollte der neoklassizistische Monumentalbau des Museums wieder zu neuem Glanz gebracht werden. Im Inneren des Gebäudes wurde auf eine völlige Neugestaltung der Räume gesetzt – insbesondere der großen Lichthöfe und der angrenzenden Seitensäle. Diese umfangreichen Planungen machten nicht nur erhebliche bauliche Maßnahmen nötig, sondern auch eine ausreichende Finanzierung, die durch die Stadt Frankfurt, die VW-Stiftung sowie zahlreiche private Mäzenen getragen wurde. Für die gestalterische Handschrift zeichnete der Direktor Wilhelm Schäfer höchstpersönlich verantwortlich. Nicht nur als Wissenschaftler anerkannt, hatte er sich auch als aktiver Künstler einen Namen gemacht. So illustrierte er beispielsweise sein Werk über "Aktuopaläontologie"6 selbst und propagierte dadurch einen neuen Stil der naturwissenschaftlichen Illustration.7

  1. Abbildung 2: Wilhelm Schäfer war Wissenschaftler und Künstler. Sein Werk war wegweisend in der Gestal-tung von Naturkunde. Viele Kollegen aus anderen Museen kamen, um die Verknüpfung von Kunst und Wissenschaft in einem Museum zu sehen. Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. Vgl. weiterführend zu diesem Thema Claudia Mareis, Design als Wissenskultur. Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960, Bielefeld 2011, S. 191–193.
  3. Hier und im Folgenden Steinert, New Look für Saurier und Fossilien.

Abbildung2 8 Wohl auch diesem Umstand geschuldet erfolgte der Umbau des Museum unter der Symbiose von Wissenschaft und Kunst.9 Die Schausammlungen wurden nach Schäfers Ideen neu gestaltet. Getreu seiner Ansicht, man müsse dem "Naturmuseum den vielfach noch bis heute anhängenden Ruf eines Raritätenkabinetts nehmen und es zu einer echten kulturellen Institution umwandeln",10 spielte die künstlerische Vermittlung in der neuen Ausstellung eine wichtige Rolle. Diese diente dazu, das ausgestellte Objekt dem Besucher näher zu bringen. Es sollte nicht abstrakt bleiben, sondern verstanden und bewundert werden können.

  1. Ebd.
  2. Frank All Grossmann, "Die Natur wird zum Kunstwerk", in: FAZ, unbekanntes Erscheinungsdatum.

Gerade bei der Präsentation der riesigen Saurier und der großen neuzeitlichen Land- und Wassersäugetiere spielten Metallkonstruktionen, moderne Plastiken, Zementabgüsse und Grafiken eine bedeutende Rolle. Die neue Innenarchitektur unterstützte die modernen Ausstellungstechniken. Wie gut dies offenbar funktionierte, davon berichtete Harald Steinert in der Welt: "Wissenschaftler, Künstler und Architekten arbeiten bei der Gestaltung der Schausammlung nicht neben-, oder gar gegeneinander, wie man es in vielen Museen findet, sondern bilden eine harmonische Einheit, sozusagen ein echtes Arbeitsteam."11 Im neugestalteten Museum sollten die Tiere nicht mehr wie bisher nach Tiergruppen, sondern nach Lebensfunktionen ausgestellt werden. Dank der zoologischen Institute sollte es auch nicht mehr Aufgabe des Museums sein, Tiere als plastische Bilder zu zeigen. Vielmehr sollte es sich darauf konzentrieren, die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Besucher auf ihre eigene Weise zu vertiefen. Nach diesem Konzept wurden nun Saurier, Wale und andere Großtiere oder deren versteinerte Reste auf neue und funktionelle Weise montiert. Das Wie des Schwimmens, Fliegens oder Gehens sollte in der Präsentation deutlich werden. So wurde beispielsweise im zweiten großen Lichthof das Skelett eines schwimmenden Schwertwals zwischen Baustahlgewebe gehängt, an der Wand wiederum das halbierte Skelett eines Finnwals angebracht, dessen Umrisse in Beton ausgespart blieben. Das Skelett wurde so befestigt, dass es seine Funktion während des Schwimmens verdeutlicht.12

  1. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Aus Kunst und Wissenschaft (1966), Nr. 4, S. 11f.

Zu den Aufgaben eines Museums zählte Schäfer zufolge eben auch, "dem Betrachter die Aneignung des Wissens über die organische Natur und vor allem durch das Verständnis für ihre Geschichte durch entsprechende Darstellung zu erleichtern, bei der er sich mannigfacher künstlerischer Mittel in Form, Farbe und Material bedient".13 Durch diese Mittel sollten die Jahrmillionen alten "Urkunden der Natur" zum Sprechen gebracht werden. Bereits fünf Jahre vor dem Jubiläum hatte sich Schäfer mit seinen Ansichten klar positioniert, die in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wie folgt widerhallten:

  1. Hier und im Folgenden "Naturmuseum muss sich Stilwandel anpassen", in: FAZ, 2. Juli 1962; Institut für Stadtgeschichte: Kulturamt Zugang III 15–83, Signatur 1.404 (Senckenbergische Naturforschende Geselschaft; Senckenbergische Bibliothek, Naturmuseum und Forschungsinstitut Senckenberg 1957–71) (die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).

"Professor Schäfer meinte, die Naturwissenschaften werden Laien heute noch immer zu theoretisch vorgeführt. Zu Kunstausstellungen und literarischen Darbietungen habe der Durchschnittsmensch einen rascheren Zugang, nicht zuletzt, weil die Biologie im Schulunterricht immer zu kurz behandelt werde. Darum gelte es mit Mitteln, die dem modernen Menschen vertraut sind, diesen in einem modernen Naturmuseum zu engagieren."14

Darum musste sich das Museum von Grund auf modernisieren und mit den Mitteln der Grafik, der Montage und der Lichttechnik die Ausstellungsstücke so zur Schau stellen, dass sie die Menschen ansprachen – "den Mann von der Straße ebenso wie den Schüler, der mit seinem Lehrer ins Museum kommt, um hier die Schätze zu bewundern". Die Institution Senckenberg hatte nach Ansicht Schäfers über die wissenschaftliche Forschung hinaus durch das Schaumuseum auch eine breitere kulturelle Aufgabe.

  1. Abbildung 3: Der große Lichthof nach dem Umbau durch Wilhelm Schäfer. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Aus Kunst und Wissenschaft, S. 12f.; Johannes Grossmann, "-", in: FAZ, 24. März 1966.
  3. Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014.
  4. Grossmann, "-".
  5. Johannes Grossmann, "Frankfurts Senckenberg – eines der modernsten Museen der Welt", in: FNP, 30. Januar 1971.
  6. Ebd.
  7. "Das steinerne Stammbuch der Tiere", in: FNP, 26. Oktober 1967.

Abbildung3 15 Diese bisher so seltene Verknüpfung von Natur und Kunst gestaltete sich im Senckenberg Naturkundemuseum wie folgt: Ein Seitensaal des großen Lichthofes wurde unterkellert und diente nun als Ausstellungsraum für das Skelett des Schnabeldrachens. Die Wände waren abwechselnd aus geschliffenem schwarzem Zement mit weißen Kieseln und aus braunem Sukuripa-Holz getäfelt. Darin waren wiederum die Schaukästen für die fossilen Fische und Reptilien des Weißjura eingelassen. Waren diese zuvor flach in den Gips eingebettet, ruhten sie nach dem Umbau auf Zementplatten mit Mulden und hoben sich reliefartig von ihrem Untergrund ab. Da das Museum nach dem Umbau auch abends geöffnet blieb, wurde auch ein neuartiges Beleuchtungssystem eingebaut.16 Es musste nun nicht mehr unbedingt Tageslicht in die Räume fallen.17 Im Lichthof, in dem vorher unter anderem die Donnerechse, der Riesenhirsch, der Urelefant und andere paläontologisch-geologische Raritäten ausgestellt waren, wurden die architektonisch störenden Pfeiler herausgenommen.18 Wo früher das Dach des Hofes auf vier Eisensäulen ruhte, war nun ein freischwebendes Dach montiert, die Hofwände mit grauem Mattglas versehen. Dadurch rückte die Architektur in den Hintergrund; neue Ausstellungsflächen für die Fossilien entstanden. Durch das Glas bildeten die Wände des Saales nun eine durchgehende Fläche, hinter der jedoch noch schemenhaft die dunklen Fensterbögen zu erkennen waren.19 Auch im Lichthof selbst hatte sich die Ausstellungsweise geändert: Das Beinskelett der Goliath-Echse wurde an der Wand angebracht und bekam eine durchbrochene Hülle aus Messing, die die Gelenke und Knochen des Dinosaurierbeines erkennen ließ.20 Durch diese Metallhülle wurde die ursprüngliche Form angedeutet und zugleich ein Eindruck von der enormen Größe des Sauriers vermittelt.21

  1. Abbildung 4: Die große Donnerechse in der Ausstellungsweise von 1907. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. "Donnerechse neu aufgestellt", in: FR, 24. Dezember 1969.
  3. Das steinerne Stammbuch der Tiere.

Abbildung4 22 Das Zentrum des Lichthofes aber bildete die große Donnerechse, die in ihrer Präsentation über die Jahre hinweg viele Änderungen erlebte. Noch 1907 wurde sie auf vier säulenartigen Beinen stehend gezeigt, wirkte dabei aber eher steif und ungelenk. Bald darauf und auch noch bis zum Abtransport während des Zweiten Weltkrieges stand sie dagegen auf den Hinterbeinen, den Vorderkörper aufrecht. Die Neumontierung unter Wilhelm Schäfer führte dazu, dass sie nun auf allen Vieren stand und so den heutigen Waranen ähnelte. Jedoch wurden die Beine nicht gerade, sondern abgewinkelt gezeigt. Für diese Darstellungsweise hatte sich Schäfer entschlossen, nachdem er mögliche Bewegungsabläufe der Donnerechse zeichnerisch nachvollzogen und die funktionellen Möglichkeiten des Skeletts mit Fachleuten diskutiert hatte. Genannte Grafiken waren ebenfalls auf dem breiten Band zu betrachten, das den Lichthof umspannte.23 Die Darstellungen der Giganten aus einer längst vergangenen Zeit sollten beim Betrachter erst Schauer und dann Erkenntnisbereitschaft auslösen. Schäfer wollte so Verständnis für die Geschichtlichkeit der Erde und des Lebens auf ihr vermitteln und damit zugleich das Bewusstsein über die Verantwortung zum Erhalt der Erde und des Lebens wecken.24 Einem Artikel aus der Frankfurter Neuen Presse zufolge war er damit offenbar erfolgreich:

  1. Ebd.

"Auch ein wissenschaftlich nicht vorgebildetes Publikum wird bei einem aufmerksamen Rundgang durch die neugestalteten Räume einen lange nachhallenden Eindruck gewinnen von jenem ungeheuren Prozess, der in Hunderten von Jahrmillionen jene Fauna und Flora formte, in der wir leben."25

  1. Hier und im Folgenden "Monumente der Urwelt-Saurier modern präsentiert", in: FAZ, 28. Oktober 1967.
  2. Albert Bechthold, "Der Riesenwal im Lichthof", in: FNP, 20. Mai 1967.
  3. Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014.

Zusätzlich zu den einzelnen Exponaten gab es Informationstafeln, die abstrakte Informationen durch Zeichnungen, Zahlen und Texte lebendig darstellten. Diese Schautafeln sollten die zuvor häufig eingesetzten Dioramen ersetzen, "die in ihrer Überdeutlichkeit höchstens einen verfälschten Eindruck über die Lebensweise der Tiere geben", wie sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung konform zu Schäfers Ideen äußerte.26 Die Devise des 'neues Museums' war Transparenz: sei es in der einfachen, unaufgeregten Ausstellungsweise der Objekte oder ihrer wissenschaftlich richtigen Benennung, Namensgebung und Katalogisierung. Durch die Erklärungen sollte der Betrachter möglichst viel erfahren, ohne durch ein Zuviel an Text abgeschreckt zu werden. Noch sollte sein Informationsbedürfnis aufgrund zu kurz ausfallender Erklärungen unbefriedigt bleiben. Schäfer bemühte sich, das richtige Maß zu finden und den Besuchern seine Inhalte durch eine psychologisch wie didaktisch richtige Präsentation näher zu bringen.27 Er handelte bei der Beschreibung der Objekte nach der Devise, dass Text und Grafik das Objekt erläutern, aber nicht von diesem ablenken sollen. Er nannte das die "Schule des Sehens" – die Beschreibung sollte den Besucher darauf hinweisen, worauf er beim Betrachten der Ausstellungsobjekte besonders achten sollte. Auch deshalb war er ein Verfechter von starker Abstraktion. Allerdings sollte die Vermittlung der Objekte nicht zu sehr in die Fantasie des Besuchers eingreifen; dieser sollte Hinweise bekommen, wie er sich das Objekt vorzustellen habe. Aus diesem Grund wollte Schäfer auch keine naturalistischen Darstellungen, da diese den Besucher zu sehr in seinen Vorstellungsmöglichkeiten einschränken würden.28 Jedem der einzelnen Ausstellungssäle lag eine Leitidee Schäfers zu Grunde, die sich, wie die zeitgenössische Presse verdeutlicht, auch in der Auswahl der Baumaterialien widerspiegelte:

  1. Das steinerne Stammbuch der Tiere.

"[J]ener Raum, der den Begriff des Lebens auf unserem Planeten mit den versteinerten Zeugen jener Zeit verdeutlicht, [ist] mit warmem Licht erhellt; Holz und die gebrochene Struktur der Schiefer vermitteln gleichfalls den Eindruck von Wärme, Atem und Bewegung. In dem Saal für das tote Gestein dagegen herrscht nackter Beton vor und eiskaltes Licht fällt auf die Glut der Kristalle und Minerale."29

  1. Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014.

Um seine Vorstellungen derart zu verwirklichen, nahm Schäfer die Hilfe von insgesamt drei Grafikern und einem Architekturbüro in Anspruch.30

  1. Zeitungsartikel: Fred Kickhefel, "Auch die betagten Donnerechse lebt auf in modernen Räumen", in: unbekannter Erscheinungsort, 19. August 1969.
  2. "Erstaunliche Entwicklungen", in: FR, 11. Dezember 1969. Dort auch das nachfolgende Zitat.

Der Umbau erfreute sich bei den Besuchern großer Beliebtheit; das Museum verzeichnete schon im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung, 1968, zum ersten Mal mehr als 100.000 Besucher in einem Jahr.31 Das schon während des Umbaus die Besucherzahlen in die Höhe schossen, lag unter anderem daran, dass die Bauarbeiten neue Besucherkreise mit verschiedensten Interessen anlockten.32 "Es wird von der Verpflichtung des Senckenbergs gesprochen", kommentierte denn auch die Frankfurter Rundschau, "mit Hilfe des Schaumuseums dem naturwissenschaftlichen Bildungsbedürfnis der Allgemeinheit entgegenzukommen. Und nach Schäfer sei es von eminenter Bedeutung, dass naturwissenschaftliche Erfahrungen in das zeitgenössische Bewusstsein eindringen."

  1. "Das Museum wird dynamisch", in: FNP, 4. September 1964; Institut für Stadtgeschichte: Signatur 1.404. BI./S. Intus: BI.252. (die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).
  2. Wilhelm Schäfer, "Aus dem Schaumuseum", in: Natur und Museum, Nr. 92, 1. April 1962, S. 144.

Zwar präsentierte sich das Museum nach dem Umbau auf eine moderne und neue Weise, fühlte sich jedoch nichtsdestotrotz dem Auftrag des Stifters Dr. Johann Christian Senckenberg verpflichtet. Entsprechend euphorisch zeigte sich Wilhelm Schäfer in der Frankfurter Neue Presse: "Ich will der Wissenschaft einen Tempel bauen. Das statische Museum wird sich in ein dynamisches verwandelt haben und der Besucher wird einbezogen in Raum und Zeit. Er betrachtet dann nicht nur, sondern er 'spielt mit', er lernt sich und seine Welt kennen."33 In einem Artikel äußerte sich der Museumsdirektor über die Folgen des Umbaus wie folgt: "Wenn also dort recht gesehen und richtig zum Sehen geführt wird, vermag sich das Haus, ursprünglich gefüllt mit Totem, zu verwandeln in eine Welt des Lebendigen und Sittlichen."34

  1. Vgl. Carsten Kretschmann, Räume öffnen sich. Naturhistorische Museen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Berlin 2006, S. 40.
  2. Dr. W. Klausewitz, "150 Jahre Senckenberg", in: Institut für Stadtgeschichte: Signatur 1.404. BI./S. Intus: BI.252. (die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).
  3. Kretschmann, Räume öffnen sich, S. 41.
  4. Ebd., S. 43.

Diese Intention war ganz im Sinne von Johann Wolfgang von Goethe, der 1815 die Bürger Frankfurts aufforderte, eine naturwissenschaftliche Gesellschaft zu gründen, damit die Stiftung des Frankfurter Arztes Dr. Johann Christian Senckenberg gerettet werden konnte, die den Kern des bald gegründeten Museums ausmachte. Bei der Gründung am 22. November 1817 konnte die Gesellschaft auf bereits gewachsene Strukturen zurückgreifen und knüpfte mit ihren Aufgabenfeldern an die bestehende Dr. Senckenbergische Stiftung an. Ihre Aufgaben sah die neugegründete Gesellschaft einerseits in der traditionellen und religiös motivierten Wohltätigkeit, andererseits in der Weitergabe von naturkundlichem Wissen. Dieser zweite Zweck der Gesellschaft geriet aber immer mehr in Vergessenheit, bis schließlich Goethe die Gründung eines Naturmuseums ausdrücklich befürwortete und damit offenbar die richtige Wirkung erzielte.35 Schon 1821 wurde ein Museum Senckenbergianum errichtet,36 welches als Kernstücke die Sammlungen Senckenbergs beinhaltete, aber auch andere Privatsammlungen von einzelnen Gründungsmitgliedern beheimatete.37 Dem Selbstverständnis des Vereines zufolge zielte dessen Tätigkeit auf zweierlei: den Menschen zu bilden und damit zu helfen, die moderne Gesellschaft mitzugestalten. Er fühlte sich der "Beförderung des öffentlichen Unterrichts" verpflichtet. "Man wollte nicht eine Naturaliensammlung anhäufen," so der Historiker Carsten Kretschmann, "die von der 'Laune einer Liebhaberey' abhing, sondern, im aufgeklärten Sinne, Wissenschaft betreiben, um der Bildung zu dienen, der Bildung des Individuums wie der Allgemeinheit."38

  1. Hier und im Folgenden ebd., Zitat S. 51, sowie 52f.

Wohl auch deshalb wurde in der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft schon in den 1890er Jahren der Wunsch laut, die Trennung von Schau- und Studiensammlungen möglich zu machen. Diese Trennung würden auch die Platz- und Präsentationsprobleme im Museum lösen, denn "das Haus häufte Objekte auf Objekte, ein geordneter Rundgang war nur schwer möglich, eine gezielte Inszenierung schon aus Platzgründen kaum zu realisieren".39

  1. Abbildung 5: Das Senckenberggebäude in der Victoria-Allee im Jahre 1917. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. Der synchrone Ansatz beschreibt einen Zustand und demnach die Beziehung von Dingen zu einer Zeit. Der diachrone Ansatz beschreibt dagegen eine Entwicklung in Beziehung zur Zeit.
  3. Kretschmann, Räume öffnen sich, S. 218f. Dort auch das folgende Zitat.

Abbildung5 40 Das neue Museumsgebäude wurde schließlich 1907 in der Victoria-Allee an der Grenze des Frankfurter Westends zu Bockenheim eröffnet. Hier konnte nun erstmals tatsächlich von einer Präsentationsstrategie gesprochen werden: In der Präsentation wurde das systematische Element und das biologische Profil vorherrschend. Das Museum entwickelte eine Präsentationsform, die auf der Darstellung der diachronen und synchronen Beziehungen41 zwischen den einzelnen Lebenswesen beruhte und legte damit besonderen Wert auf Authentizität und Naturtreue:42 "Das Senckenberg-Museum folgte einer historisierenden und eben darum auch dynamischen Perspektive. Es erzählte gleichsam die Geschichte des Lebens – und es erzählte sie in bewussten Spannungskurven." Dabei wurde auf ein "unangestrengtes, müheloses Erlebnis" Wert gelegt. Zur Verdeutlichung des Lebens in der Natur wurden Dioramen geschaffen, die Kretschmann folgenermaßen deutet:

  1. Ebd., S. 222.

"Mit ihrem Akzent auf dem Sozialleben der Tiere reflektierten die Dioramen den Übergang von der älteren Taxonomie zu Biologie und Ökologie. Sie waren wissenschaftlich legitimiert, verfolgten jedoch darüber hinaus eigene visuelle, auf den Publikumsgeschmack berechnete Zwecke."43

  1. "Bericht über den Bombenschaden am 8. Februar 1944", an das Kulturamt Frankfurt am 21. Februar 1944; Institut für Stadtgeschichte: Natur-Museum Senckenberg und Senckenbergische Bibliothek 1936–1950, Kulturamt Sig. 390 (die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).
  2. Hier und im Folgenden ebd.

Auch das Senckenberg Naturkundemuseum blieb vom Zweiten Weltkrieg nicht verschont. Einschläge, die das Museum besonders betrafen, "erfolgten unmittelbar neben dem bunkerartig ausgebauten nördlichen Erdgeschoss und als Volltreffer innerhalb des Flügels des Museums, in dem das Geologische Institut der Universität untergebracht ist".44 Glücklicherweise hielt das Erdgeschoss dem unmittelbar neben ihm erfolgten schweren Einschlag stand und so wurden die darin untergebrachten Sammlungsgegenstände, die aufgrund ihrer Größe nicht abtransportiert werden konnten, wie zum Beispiel die bekannte Saurier-Sammlung, nicht beschädigt. Durch den Volltreffer wurde jedoch dieser Flügel des Museums teilweise zerstört und das Treppenhaus vernichtet: "Mit Ausnahme des Erdgeschosses sind fast alle Fenster und ein großer Teil der Lichthof-Bedeckung zerstört worden. Ebenso sind Türen eingerissen und Innenwände eingedrückt."45

Unter den Trümmern lag die geologische Lehrsammlung des Museums begraben. Auch große Teile der zoologischen Lehrsammlung wurden vernichtet. Darüber hinaus wurden fast alle Schauschränke in sämtlichen Stockwerken mit Ausnahme des Erdgeschosses zerstört. Die wissenschaftlichen Sammlungen jedoch blieben, da sie im Keller des Museums lagerten, weitgehend erhalten. Eine Bestandsaufnahme fasste die erlittenen Schäden durch die Bombardierungen wie folgt zusammen:

  1. Mehrere DinA4-Blätter mit dem Titel "Senckenbergmuseum"; Autor, Erscheinungsdatum und -ort unbekannt.

"Das Museum wurde vor allem von den Luftangriffen am 18. und 24.3.1944 zerstört, das Mansardendach und der nördliche Quertrakt im ersten und zweiten Obergeschoss wurden fast vernichtet und die Deckenkonstruktion über dem Erdgeschoss verformt. Die Wand am westlichen Trakt wurde durch einen Volltreffer eingedrückt und es bestand Einsturzgefahr. Die Wände des Westflügels erlitten schwere Zerstörungen, das Dachgeschoss des Südflügels wies starke Brandschäden auf. Türen, Fenster und der Deckenputz sind vernichtet worden."46

  1. Mehrere DinA4-Blätter mit dem Titel "Bericht über die Zeit von 1933 bis 1945"“, S. 7; Autor, Erscheinungsdatum und -ort unbekannt.
  2. Ebd.

Glücklicherweise war rechtzeitig mit der Evakuierung der Exponate und Sammlungen begonnen worden, sodass diese in ihren Ausweichlagern weitgehend unbeschädigt blieben. Schon früh wurde mit dem Abbau der wertvollen Stücke im Lichthof begonnen und die Sammlungen aus den Dachböden und den oberen Stockwerken in das Erdgeschoss transportiert oder in zusätzlich geschaffene Lagerräume verlegt. Meterdicke Schutzwände wurden im Lichthof und an den Außenwänden eingezogen, die Fenster zugemauert und Stahltüren angebracht. Jedoch zögerten die Verantwortlichen lange, die Exponate aus dem Museum auszulagern, da die Gefährdung durch Luftangriffe noch nicht so bedrohlich erschien, dass die bei der Auslagerung der Exponate mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Schäden guten Gewissens in Kauf genommen hätten werden können. Nach den Angriffen vom 20. Dezember 1943 wurde jedoch die Räumung des Museums geplant; Ende Januar 1944 begannen die Auslagerungen.47 In den Monaten April bis einschließlich Juni fuhren zunächst täglich, später zwei-, dreimal pro Woche Güterzüge mit Museumsgut in die über vierzig Ausweichlager zwischen Neckar und Lahn. Die Exponate blieben vor Schäden geschützt, nur in dem Ausweichlager auf der Glauburg wurde durch Kampfhandlungen wertvolles Material aus verschiedenen Abteilungen vernichtet.48

  1. Zum Beispiel erhielt das Senckenberg eine Vielzahl der damals beliebten Dioramen.
  2. Mehrere DinA4-Blätter mit dem Titel "Bericht über die Zeit von 1933 bis 1945", S. 7.

Durch den Krieg wurde die recht umfangreiche und für die damalige Zeit moderne Umgestaltung des Museums,49 die während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte, zerstört. Denn in den Vorkriegsjahren wurde von den Museumsverantwortlichen erfolgreich versucht "die Kluft zwischen Wissenschaft und Volk zu überbrücken". So wurden die lateinischen Bezeichnungen in den Schausammlungen durch lebendigere Erklärungen mit Bildern, Karten und Modellen ergänzt. Anstelle bloßer Tieraufreihungen traten biologische Gruppen, Darstellungen der Beziehungen zwischen Tier und Mensch sowie Wandgemälde über die Verbreitung der Tiere und Lebensbilder aus verschiedenen Erdzeitaltern. Verfügte das Museum bis 1933 nur über zwei Dioramen, wurden zwischen 1933 und 1943 14 weitere gestaltet, "die von Fachleuten des In- und Auslandes als die Besten bezeichnet wurden".50

  1. Ebd.

Zu den Modernisierungsmaßnahmen zählte eine Umgestaltung der Raumstruktur, die nicht zuletzt wegen einer Schenkung aus dem Jahre 1935 notwendig wurde: Das Museum erhielt das größte Walskelett, das ein deutsches Museum jemals besessen hatte. Infolge dessen wurde der Walsaal geschaffen. Außerdem wurde in dieser Zeit auch ein Saal für Vererbungskunde eingerichtet. Es kam zu einer zeitgemäßen Umstellung des gesamten Säugersaals und des Vogelsaals, außerdem wurden wechselnde Sonderausstellungen eingeführt. Bei der Neuaufstellung der Mineralogischen Abteilung wurde das Hauptaugenmerk auf die aufgeschnittene Erdkugel gelegt, die zugleich dank ihrer Anschaulichkeit der Hauptanziehungspunkt der Abteilung wurde. Die Öffnungszeiten des Museums wurden angepasst, das Museum hatte nun den ganzen Tag geöffnet, für abendliche Besuche wurde eine Beleuchtung angeschafft. Durch diese Maßnahmen stieg die Besucherzahl des Museum deutlich an. Frankfurter und auswärtige Schulen gliederten den Museumsbesuch in den Unterricht ein. Die Frankfurter Lehrer wiederum wurden für den Besuch des Museums besonders geschult.51 Die konzentrierte Museumsarbeit fand auch international Würdigung, hieß es doch 1939 in einer amerikanischen Zeitung:

  1. Ebd.

"Das Natur-Museum Senckenberg kann man den Wegbereiter dafür nennen, dass die Museen nicht nur für den Wissenschaftler, sondern genau so gut für Kinder und Laien da sind. Seine Studiensammlungen sind weltberühmt, aber als seine höchste Aufgabe sieht es an, für die Allgemeinheit da zu sein."52

  1. Abbildung 6: Im großen Lichthof wurden bis zu Errichtung des Zweiten Lichthofs neben den Dinosauriern auch die Großsäuger ausgestellt. Es galt die Divise: In großen Sälen werden große Tiere untergebracht, in kleinen Sälen kleine. Die Ausstellungstücke wurden durcheinandergewürfelt, wie es gerade passte. Interview mit Bernd Herkner am 8. November 2013. Bild: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.
  2. Mitteilung des Naturmuseums Senckenberg an das Kulturamt der Stadt Frankfurt vom 19. August, vermutlich 1944.
  3. "Wieder Senckenberg", in: FR, 20. September 1947; IfS: Sammlungen zur Ortsgeschichte, S3/N8.255, Senckenbergmuseum 1945–1959; "Besuch in Noahs ausgebombter Arche", in: Die Neue Zeitung, 12. März 1949; "Urzeitliches Leben. Das Naturkundemuseum Senckenberg wieder eröffnet", in: unbekannter Erscheinungsort, 1949; "Schaustücke sollen wieder ans Licht. Das Senckenbergmuseum muß neuen Platz schaffen", in: FAZ, 28. November 1959. (Die weiteren Materialien stammen ebenfalls aus diesem Bestand).
  4. "Umbauten im Senckenbergmuseum", in: unbekannter Erscheinungsort, 19. Februar 1965. Die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft berichtete dem Kulturamt Frankfurt, das die oberen Stockwerke des Museums weitestgehend zerstört oder ausgebrannt waren. Die gesamten unteren Stockwerke überstanden die Bombardierungen größtenteils unbeschädigt.

Abbildung6 53 Nach dem Krieg stand zunächst der Wiederaufbau des Museums an. Da die unteren Geschosse noch erhalten und auch die oberen zu 75 Prozent mit ihren Mauern stehen geblieben waren, schlug die Stiftung vor, das Museum in seinem ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Dabei wurde auf die Nützlichkeit eines zweckmäßigen Umbaus und auf Erweiterungsmöglichkeiten hingewiesen.54 Obgleich noch lange nicht alle Baumaßnahmen abgeschlossen waren und anfangs nur einige Säle besichtigt werden konnten, öffnete das Museum ab 1947 wieder seine Türen für die Besucher. In dieser Zeit wurde mit dem Bau eines zweiten Lichthofes begonnen, in welchem die Großsäugetiere der Gegenwart ausgestellt werden sollten.55 Bei diesem Wiederaufbau stand die Wiederherstellung der Schausammlungen, aber vorrangig der Wiederaufbau der vier wissenschaftlichen Abteilungen mit ihren insgesamt 18 Sektionen im Vordergrund. So erfuhr der für die Öffentlichkeit zugängliche Bereich nach dem Krieg keine Neugestaltung, sondern wurde den Vorkriegsplänen getreu errichtet.56 Dies ist insofern auffällig, als es zeitgleich Veränderungen in der Ausstellungstechnik gab und die Zerstörung des Museums einen guten Anlass geboten hätte, das Museumskonzept und die Ausstellungen zu modernisieren.

  1. Prof. Dr. Wilhelm Schäfer, "Das Senckenberg: Einheit von Forschung und Lehre", in: Hessen. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft, etc. (1965), Heft 9.
  2. Kretschmann, Räume öffnen sich, S. 225.

In den 1960er Jahren, nach dem unter Schäfer erfolgten Umbau, wurde das Museum sowohl als Schaumuseum, als auch als Forschungsinstitut das größte und bedeutendste Naturkundemuseum der Bundesrepublik und genoss weltweit einen guten Ruf. Forschung und Lehre bildeten hier eine in diesem Ausmaß seltene Einheit: Die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden im Schaumuseum Ausdruck und Darstellung für die Allgemeinheit.57 Die Strategie des Museums hatte Erfolg, die Verknüpfung von Wissenschaft und Öffentlichkeit gelang.58

  1. Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014.

Das Senckenbergmuseum gehört zur Seckenberg Gesellschaft für Naturkunde. Momentan ist das Senckenberg an insgesamt zehn Orten in ganz Deutschland vertreten. Neben Frankfurt verfügt noch Görlitz über einen eigenen Museumsbau, Dresden wiederum bespielt zurzeit nur eine Sonderausstellungsfläche im japanischen Palais. Durch die Inklusion weiterer Forschungsinstitute in die Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde entwickelte sich die Marke Senckenberg: die "World of Biodiversity". Unter diesem 'Qualitätssiegel' wird seit seiner Gründung nicht nur Naturwissenschaft betrieben, sondern durch Publikationen, Vorträge und vor allem durch das Museum ein Bildungs- und Vermittlungsauftrag wahrgenommen. Einerseits wird im Auftrag der Gesellschaft geforscht, andererseits werden die Ergebnisse nach aktuellem Stand im Museum vermittelt. Bernd Herkner betont: "Das Museum soll ein Fenster zur Forschung sein", es soll zeigen, wie die Forscher arbeiten.59

  1. D.S. Peters, "Das Naturkundemuseum als Ort der Forschung und Wissensvermittlung", in: TenDenZen. Jahrbuch IV, Übersee-Museum Bremen (1995), S. 59–66, hier S. 64.
  2. Vgl. Willi Ziegler, Naturhistorische Sammlungen in Hessen. Bericht der ad-hoc-Arbeitsgruppe des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, Frankfurt am Main 1995, S. 56.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die Auffassungen über die Aufgaben von Museen und der Wissensvermittlung generell grundlegend gewandelt. Das originale Objekt rückte zunehmend in den Mittelpunkt der Ausstellung, denn "nur durch Authentizität der Exponate kann das Schaumuseum mit anderen Medien der Wissensvermittlung konkurrieren".60 Aufgrund der Bilderflut durch Illustrierte, Reklame, Kino und vor allem das Fernsehen hatten sich die Sehgewohnheiten der Menschen stark verändert. Das Museum war phasenweise versucht, sich dieser Tendenz anzupassen und ebenfalls auf starke Reize zu setzen, da sich dank der modernen Ausstellungstechniken die Möglichkeiten dementsprechend gewandelt hatten. Eine effektvolle Darstellung war nun viel leichter zu erreichen als in früheren Zeiten. Hierdurch wäre allerdings das eigentliche Objekt in den Hintergrund gedrängt worden. Dieses sollte zwar auf einer wissenschaftlichen Grundlage und für den Besucher in der gestalterischen, didaktischen und pädagogischen Form einleuchtend und verständlich gezeigt werden,61 doch sollten diese Erklärungen nicht vom eigentlichen Ausstellungsstück ablenken. Es sollte dadurch greifbarer, die jeweiligen Besonderheiten so erfahrbar gemacht werden.

  1. "Neue Räume für Senckenbergmuseum", in: NP, 5. Februar 1965.

Da das Senckenberg hier ein Defizit in der Ausstellungstechnik aufwies und Schäfer dies bekannt war, führte ihn das zu dem Entschluss, dass sich das Museum nicht mit kleineren Abwandlungen und Verbesserungen begnügen könne, sondern es von Grund auf renoviert werden müsste, um mit den umfassen¬den Wandlungen der vorangehenden 30 bis 50 Jahre Schritt halten zu können.62

  1. Interview mit Bernd Herkner am 8. November 2013.
  2. Ebd.
  3. Hier und im Folgenden Interview mit Bernd Herkner am 26. Februar 2014.

Nachdem das Konzept von Schäfer und seiner etablierten "Schule des Sehens" lange Zeit unberührt blieb, wurde das Museum 2003 teilweise neugestaltet. Viele der Grafiken und der Schautafeln wurden durch moderne Technik ersetzt. Auch kam es zu einem erneuten Wandel der Ausstellungstechnik – weg vom bloßen Zeigen und Erklären hin zum "Public understanding of Research", bei welchem dem Besucher vermittelt wird, wie ein Wissenschaftler vorgeht, um zu seinen Erkenntnissen zu gelangen. Trotz dieses Wandels bleibt die "Schule des Sehens" fest verankert, Erklärungen sollen dem Besucher auch weiterhin den Weg weisen und ihn auf die richtige Fährte setzen.63 Das Objekt steht weiterhin im Mittelpunkt der Ausstellung, wie Bernd Herkner bekräftigt: "Naturkundemuseen haben Sammlungen und Originale, sie können authentisch sein, die Inszenierung der Ausstellungsstücke kann sich am Objekt orientieren."64 Wurden die Ausstellungsstücke nach dem Umbau durch Schäfer zunächst objektorientiert präsentiert, später dann thematisch, rückt das Objekt im Senckenberg Naturkundemuseum nun wieder – als direktes Erbe Schäfers – in den Mittelpunkt der Ausstellung.65 Trotz der vielen Veränderungen können immer noch einige Gegenstände im Museum so bewundert werden, wie sie von Schäfer damals ausgestellt wurden. So findet sich im Dinosauriersaal an der Wand noch immer das Bein der Goliathechse. Der Schnabeldrachenkeller wie auch der Walsaal sind seit dem Umbau von 1960 praktisch nicht verändert worden.

Bildnachweise: Abb. 1-6: Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft.

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars "Im Dienst der Gesellschaft. Die Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen" im WiSe 2013/14. Grundlage der gemeinsam zu entwickelnden und zu schreibenden Geschichten waren – waren die Museen der Moderne doch stets Institutionen von öffentlichem Interesse – sowohl historische Museumsführer wie Kommentare aus der Tagespresse der Zeit, Reiseberichte, in denen die Museen thematisiert werden, aber auch Archivalien aus dem Frankfurter Stadtarchiv. Methodisch flankiert wurde die Arbeit durch eine Auseinandersetzung mit aktuellen geschichtswissenschaftlichen Ansätzen der Museum Studies sowie der Geschichte des Sammelns. In der Zusammenschau sollen die Museumsgeschichten dann eine Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen ergeben. Sarah Schneider studiert im 5. Fachsemester BA Geschichte und Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen.