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Barbara Stollberg-Rilinger zwischen den Stühlen: Wie sich Lehre und Forschung in der Geschichtswissenschaft mehr und mehr verlieren

Stimmen | | von Ammermann/Ipek

Die Bologna-Reform hat das Studium tiefgreifend verändert – jedoch nicht nur zum Positiven. Die Studierenden werden dazu verpflichtet in Modulen zu studieren, können ihre Veranstaltungen nicht mehr allein frei nach ihrem Interesse wählen. Viele Studiengänge sind überlaufen, Kontakte zwischen Professoren und Studierenden sind rar. Zu diesen Auswirkungen nimmt Barbara Stollberg-Rilinger, Historikerin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Stellung. Als Inhaberin des Lehrstuhls für die Geschichte der Frühen Neuzeit wie auch durch ihre Vorstandsmitgliedschaft des Exzellenzclusters Religion und Politik ist sie auch mit Angelegenheiten der universitären Verwaltung vertraut. Aus eigener Erfahrung erzählt Barbara Stollberg-Rilinger, wie die Bologna-Reform den Druck auf die Universitäten erhöht und wie sich Lehre und Forschung auseinander entwickeln. Dabei gibt sie auch Einblicke in ihre persönliche Motivation, Geschichte zu erforschen.

[1] Tomke Ammermann/Seda Ipek: Gibt es Themenfelder, die Sie als absolutes Muss in der Geschichtswissenschaft erachten?

Barbara Stollberg-Rilinger: Von einem allgemeinen Muss würde ich nie sprechen. Ich kann nur sagen, was ich selbst für interessant halte. Ich habe angefangen mit der politischen Theoriegeschichte. Sowohl in meiner Dissertation als auch in meiner Habilitationsschrift habe ich mich mit politischer Theorie und politischer Ideengeschichte im weitesten Sinne befasst. Danach habe ich meinen persönlichen "Cultural Turn" erfahren und mich umfassend für Kulturgeschichte zu interessieren begonnen, eine Kulturgeschichte, die alles umfasst, dabei aber eine bestimmte Perspektive einnimmt. Man kann alles aus kulturgeschichtlicher Perspektive thematisieren, indem man nach den symbolischen Praktiken und Wahrnehmungsweisen fragt. Dann lassen sich auch politische Geschichte, Verfassungsgeschichte oder Religionsgeschichte als Kulturgeschichte schreiben. Darum finde ich, dass diese neue Kulturgeschichte eine wichtige Errungenschaft seit den 80er Jahren ist.

[2] Können Sie den eigentlichen Anlass für diese Neuorientierung in Ihrer Arbeit klar benennen?

  1. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Basel 1939.

Hauptsächlich durch die Lektüre von Büchern. Ich hatte das zwar schon während meiner Promotion als Perspektive, habe es aber selbst noch nicht richtig verfolgt, da ich in Köln sozialisiert worden bin und das Historische Seminar dort sehr konservativ war. Darum habe ich erst auf eher konventionellen Feldern gearbeitet. Aber es gab Schlüssel-Leseerlebnisse, die mich dann auf die kulturwissenschaftliche Schiene gebracht haben. Eines von diesen war ein relativ altes, aber umso wichtigeres Buch, nämlich Norbert Elias’ Über den Prozeß der Zivilisation1. Ein Klassiker, der im Grunde die ganze kulturgeschichtliche Wende mit ins Rollen gebracht hat.

[3] Zugleich arbeiten Sie aber auch an der interdisziplinären Zeitschrift Der Staat mit, die sich hauptsächlich an Rechtswissenschaftler richtet. Fahren Sie zweigleisig? Sowohl auf der kulturwissenschaftlichen als auch der rechtswissenschaftlichen Schiene?

Ich finde tatsächlich, dass die Rechtswissenschaft ein hochinteressantes Feld für Historiker ist. Gerade weil die Rechtswissenschaftler so anders "ticken", deutlich systematischer sind und viel klarere Begriffe haben, was ich sehr vorbildlich finde, können wir Historiker viel von ihnen lernen. Das ist die eine Disziplin, die mich sehr fasziniert.

[4] Sie sind zudem leitende Herausgeberin der Zeitschrift für historische Forschung, die sich hauptsächlich mit dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit befasst. Was finden Sie an anderen Epochen interessant?

Ich bin Frühneuzeitlerin, wobei ich das eher zufällig geworden bin: zu der Zeit, als ich mein Examen machte, wurde in diesem Bereich in Köln gerade eine Stelle frei, die ich dann bekommen habe. Sonst hätte ich mich vielleicht auch für eine andere Epoche entschieden. Ursprünglich habe ich mich ohnehin mehr mit der Alten Geschichte beschäftigt. Generell interessieren mich eigentlich alle vormodernen Epochen, Zeitgeschichte hingegen eher weniger, sie ist mir zu nah. Da kann ich Zeitung lesen, aber als historischer Gegenstand ist das für mich nicht faszinierend. Mich interessieren die Epochen, die fremdartig sind, in denen die Menschen anders gedacht und gehandelt haben, als wir es heute tun – je fremder, desto besser. Deswegen habe ich mich auch immer sehr für das Mittelalter begeistert. Das hätte ich auch gerne gemacht, aber das Mittelalter und die Frühe Neuzeit haben sehr viel gemeinsam, und die eigentliche große historische Zäsur ist für mich die um 1800. Dann fängt die Moderne an. Und die fasziniert mich dann nicht mehr so sehr.

Nutzen der Geschichtswissenschaft

[5] In Anbetracht der Menge an TV-Sendungen und historischen Spielfilmen ist ein allgemeines Interesse an der Geschichte erkennbar. Glauben Sie, dass Geschichte im alltäglichen Leben helfen kann?

Absolut! Natürlich nicht im Sinne von "wir lernen aus der Geschichte, dass wir gewisse Angelegenheiten auf eine bestimmte Art und Weise handhaben sollen". Das ist selbstverständlich nicht so. Aber ich bin davon überzeugt, dass man gegenwärtige Strukturen ohne eine historische Perspektive nicht verstehen kann. Sonst wird einem nicht bewusst, dass die Verhältnisse auch anders sein könnten, als sie sind. Es fehlt die Distanz zu den eigenen Selbstverständlichkeiten, wenn man nicht auf eine historische Dimension zurückgreifen kann. Ist einem nur das bekannt, was man unmittelbar vor Augen hat, dann kennt man auch das nicht. Mit einer historischen Perspektive hingegen wird offenbar, dass die Verhältnisse zu früheren Zeiten ganz andere waren, die Menschen anders dachten und handelten.

[6] Können Sie das anhand eines Beispiels veranschaulichen?

Gerne. Zum Beispiel habe ich mich intensiv mit Rangkonflikten beschäftigt. Die Menschen in der Vormoderne haben sich irrsinnig darum gestritten, wer bei feierlichen Anlässen wo sitzen darf. Diese Konflikte wurden sogar vor Gericht ausgetragen. Das gibt es natürlich heute so nicht mehr. Aber wenn man sich mit dem Thema beschäftigt hat, entwickelt man eine ganz andere Sensibilität dafür. Wenn man zum Beispiel in einer Institution hier an der Universität zusammentrifft und bestimmte akademische Rituale vollzieht, sieht man, welch wichtige Funktion die Sitzordnung dort erfüllt, auch für unterschwellige Rangzuweisungen. So findet eine soziale Hierarchisierung statt, allerdings implizit, nicht, wie in der Frühen Neuzeit, explizit. Das alles lässt sich mit Hilfe eines historischen Vergleichs viel besser verstehen. Zu denken, derartige Konflikte gäbe es heute nicht mehr, nur weil wir in einer Gesellschaft leben, von der es heißt, es handele sich um eine egalitäre, es herrsche bürgerliche Gleichheit, stimmt einfach nicht!

Bologna-Reform – eine Studiendeform?

[7] Das modularisierte Studium nach der Bologna-Reform sieht einen straffen Zeitplan vor, der kaum Raum lässt für individuelle Vertiefungen. Wie haben Sie studiert? Was die Studienleistungen anging, herrschten nicht so strenge Vorgaben wie heute. Konnten Sie Ihre persönlichen Vorlieben noch intensiver ausleben?

Ja, absolut! Ich habe das erste Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien absolviert. Dabei hatte ich entschieden mehr Freiheiten, musste nur vier Scheine im Hauptstudium machen. Alles andere konnte ich so gestalten, wie ich wollte. Und ich weiß noch, dass ich diese Ungebundenheit zu Anfang des Studiums absolut toll fand. Als ich mir das riesige Vorlesungsverzeichnis angesehen habe, dachte ich, ich könnte vielleicht afrikanische Sprachen lernen – was ich natürlich nicht gemacht habe… Aber ich hätte es gekonnt, wenn ich gewollt hätte, und zwar alles neben meinen eigentlichen Fächern. Nach zwei Semestern bin ich von der Kunstgeschichte zur Geschichte gewechselt, und auch das stellte mich vor keine größeren Hürden. Das ist mit dem Studium heute nicht zu vergleichen. Ich glaube, dass es damals für wirklich interessierte und ambitionierte Studenten besser war. Für eher unentschlossene und schwächere Studenten stellte das andererseits eine totale Überforderung dar und war ein Grund, das Studium abzubrechen. Sie konnten mit der Freiheit nicht umgehen. Das war auch der wesentliche Grund für die Bologna-Reform. Es hieß, man müsse die Universität stärker verschulen, damit es die Studierenden, die mit dieser Freiheit nicht zurechtkommen, ein bisschen einfacher haben. Aber ich bin davon überzeugt: Je engagierter und selbstständiger die Studierenden sind, desto mehr Nachteile haben sich für sie aus diesen Reformen ergeben. Diejenigen, die einfach schnell mit dem Studium fertig werden möchten, kommen jetzt natürlich besser klar.

[8] Was bedeutet die zunehmende Verschulung des Studiums eigentlich konkret für die Studierenden und ihren Studienverlauf?

Ein Problem ist einfach, dass Sie gezwungen werden, Module zu studieren und nicht die Veranstaltungen, die Sie interessieren. Module ergeben aber in vielen Fächern gar keinen Sinn, sie schaffen nur überflüssige Zwänge. Und sie machen es kleinen Fächern mit nur einer Professur fast unmöglich, überhaupt einen Studiengang anzubieten. Das finde ich völlig dysfunktional. Warum lässt man die Studenten nicht mehr nach ihren Interessen studieren? Ich halte die Bologna-Reform für absolut verunglückt.

[9] Die Bologna-Reform bewirkt auch, dass sich die Universität zunehmend zu einer Massenveranstaltung entwickelt. Die Studiengänge sind überlaufen, so natürlich auch die Geschichtswissenschaft. Welche Konsequenzen hat das für die Qualität des Studiums?

Schon zu meiner Studienzeit war Geschichte eine Massenveranstaltung. Ich kann den Studierenden nur empfehlen, sich ein bisschen abseits der Standardthemen zu bewegen, nicht immer nur Veranstaltungen zum Nationalsozialismus oder zur Weimarer Republik zu besuchen, sondern eben auch einmal Lateinamerikanische Geschichte oder Frühe Neuzeit zu studieren. Die Frühneuzeit-Seminare sind in der Regel nicht so überfüllt, weil die Studenten und Studentinnen mit dieser Epoche aus der Schulzeit nicht so vertraut sind. Ich sage den Studenten immer, wenn sie am Anfang keine Ahnung haben, ist das überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn sie überhaupt keine kriegen. Dafür müssen sie dann natürlich schon etwas tun. Wenn sie in solche Teilbereiche gehen, die eher abwegig erscheinen, dann werden sie feststellen, dass die Veranstaltungen dort nicht unbedingt so überlaufen sind. Man kann das Studium schon ein bisschen anders gestalten.

[10] Gibt es Bemühungen, die Teilnehmerzahl auch in Pflichtveranstaltungen auf eine angemessene Größe zu beschränken?

  1. [Anm. des Herausgebers: Die genannten Stellen sind in der Zwischenzeit besetzt worden. Das Interview fand noch im WS 2011/12 statt.]

Es gibt das Verteilungsverfahren für die Proseminare. Und wir haben zuletzt im Zuge der Kompensationszahlungen für die entfallenen Studiengebühren zusätzliche Mittel bekommen, um die Qualität der Lehre zu steigern. Zurzeit läuft ein Verfahren für eine neue Professur in der Neueren Geschichte. Außerdem sollen zwei neue Mittelalterstellen besetzt werden.2 Insgesamt soll es eine Aufstockung des Personals geben…

[11] Denken Sie, diese Bemühungen führen dazu, dass zwischen Studenten und Professoren wieder ein reger Austausch möglich ist?

Nach meinen Erfahrungen ist es so, dass, wenn die Studierenden nicht in einem überfüllten Seminar sitzen, sich engagieren und in die Sprechstunden gehen, sie auch einen persönlichen Draht zu den Dozenten entwickeln. Ich kann es nur aus meiner Sicht sagen, aber ich war in meinem Studium sehr zurückhaltend und habe mich selten getraut, mich zu melden. Aber wenn man erst einmal eine Hausarbeit geschrieben hat, die gut oder auch sehr gut ist, dann werden die Dozenten natürlich auch auf einen aufmerksam. Man kann auch regelmäßig ins Oberseminar gehen, das nur von einem kleinen Kreis besucht wird. Wenn man sich aber weder meldet noch sonst besonders viel Mühe gibt, dann ist klar, dass man in der Masse untergeht. Dennoch muss ich zugeben, dass das Massenphänomen ein Problem ist. Das lässt sich nicht schönreden.

  1. Barbara Stollberg-Rilinger, "Zum Selbstverständnis der deutschen Universitätshistoriker", zeitenblicke, Jg. 4, H. 1 (2005), [09.03.2005].

[12] Sie haben 2005 in einem Artikel über das Selbstverständnis der Universitätshistoriker3 geschrieben, dass infolge der damals einsetzenden Reformprozesse Lehre und Forschung Gefahr laufen, auseinander zu driften. Gerade Historiker aber, so argumentierten Sie damals, hätten die Freiheit, beides zu vereinen und sollten diese Freiheit auch nutzen. Wie bewerten Sie – sechs Jahre später – Ihre Argumentation? Haben die Historiker diese Hürde genommen?

Insgesamt glaube ich, dass es immer schwieriger wird, Forschung und Lehre beieinander zu halten. Einerseits wird die Lehre laufend reformiert, andererseits herrscht ein wahnsinniger Druck, immer mehr Drittmittel für Forschung einzuwerben. Diese beiden Veränderungen sind tiefgreifend. Die Universität hat sich dadurch extrem verändert. Und diese Veränderungen führen zu einer stärkeren Auseinanderentwicklung von Forschung und Lehre. Wir haben hier in Münster das Exzellenzcluster Religion und Politik und versuchen, die Themen, die wir in unserer Forschung behandeln, immer wieder auch in die Lehre einzubringen. Das kann man schon tun. Nur: In meinem Fall ist es zum Beispiel so, dass ich tatsächlich nur noch vier Stunden pro Woche lehre, weil ich einen Teil der Organisation des Exzellenzclusters übernommen habe. Und das zeigt, dass das auf Kosten der Lehre geht. Zwar gibt es eine ausgezeichnete Stellvertretung, aber ich persönlich mache in diesem Bereich weniger. Insgesamt glaube ich, dass die Lehre an den deutschen Hochschulen überhaupt viel zu kurz kommt. Der ganze Wettbewerb dreht sich eigentlich nur um Forschungsmittel. Zwar gibt es jetzt auch eine Exzellenzinitiative für die Lehre, aber dort bekommen sie natürlich deutlich weniger Geld. Die Lehre wird unterbewertet!

Agiert das Exzellenzcluster im Sinne der Studierenden?

  1. [Anm. des Herausgebers: Das Cluster ist zwischenzeitlich um weitere fünf Jahre verlängert worden.]

[13] Sie sind seit 2007 Vorstandsmitglied und nun seit kurzer Zeit auch Sprecherin des Exzellenzclusters. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Cluster bis 2012 mit 37 Millionen Euro.4 Das ist natürlich gut für das Ansehen Münsters und der hiesigen Professoren und versorgt viele Nachwuchswissenschaftler mit einer Stelle. Was aber haben Münsters Studenten ganz explizit davon? Nicht nur im Hinblick auf die Zukunft, dass neue Themenfelder eröffnet werden, sondern wirklich aus praxisorientierter Sicht.

Es hat natürlich Auswirkungen auf die Lehre, da viele der daran beteiligten Kollegen weniger Lehrveranstaltungen anbieten müssen, dafür Stellvertreter einstellen, die aber wiederum nicht so lange da sind. Die Studenten haben dann beispielsweise in ihren Prüfungsphasen Nachteile, da nicht selten ihre Prüfer schon wieder weg sind. In meinem Fall ist es nicht von Nachteil, da ich einen Vertreter habe, der über die ganze Zeit vor Ort sein wird. Er war ohnehin vorher schon Mitarbeiter an der WWU und macht eine ausgezeichnete Lehre. In anderen Fällen, in denen häufig Freisemester gewährt werden und die Vertreter permanent wechseln, besteht ein unbestrittenes Problem. Das ließe sich besser einrichten, auch könnten zusätzlich mehr feste Stellen im Mittelbau geschaffen werden.

Das Cluster hat aber sicher auch Vorteile für die Lehre. Denn ich denke, wenn man an einer Hochschule ein wirklich forschungsstarkes Fach studiert, ist man natürlich auch als Student ganz vorne mit dabei. Man bekommt mit, was die neuesten Forschungsentwicklungen sind. Daneben gibt es Kolloquien, Workshops und auch mehr Mittel für die Promotion. Es ist deutlich leichter an eine Promotionsstelle zu kommen. Als ich in Köln studiert habe, das damals ziemlich konservativ war, habe ich immer die Studenten in Bielefeld beneidet, weil dort die aktuelle Forschung stattfand und die aufregenden Erkenntnisfortschritte erzielt wurden. Es ist von Vorteil für Studenten, die sich wirklich für das Fach interessieren, an einer forschungsstarken Hochschule zu sein. Leider nehmen die Studenten das nicht so wirklich wahr.

Wir haben eine Ringvorlesung mit hoch spannenden Gastvorträgen, die wir mit den Mitteln der Exzellenzinitiative einladen. Zu diesen Vorträgen könnten viel mehr Studenten kommen, denn dort sind all die Themen präsent, die im Exzellenzcluster im Zentrum stehen. Das sind aktuell Religion, Politik und Geschlechterordnung in Judentum, Christentum und im Islam. Das ist ein Beispiel dafür, wie Studenten unmittelbar an diesem Exzellenzcluster partizipieren können.

[14] Sie sagten, dass viele Studenten solche Angebote nicht wahrnehmen. Könnte es daran liegen, dass nur sehr wenige davon wissen?

Es hängen überall Plakate aus, aber wahrscheinlich fühlen sich die Studenten davon nicht angesprochen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Dozenten das nicht deutlich machen und es gegenüber den Studierenden zu wenig kommunizieren.

Autonomie der Geschichtswissenschaft

[15] Im bereits erwähnten Artikel über das Selbstverständnis der deutschen Universitätshistoriker sagen Sie auch, die Geschichtswissenschaft dürfe, um unabhängig zu bleiben, sich nicht nach der politischen Nachfrage richten. Aber geht nicht Geschichte immer mit Veränderungsprozessen innerhalb der Gesellschaft einher und wird von außen beeinflusst?

Die Autonomie der Wissenschaft ist ein ganz hohes Gut. Sie besagt, dass die Wissenschaft sich ihre Themen selbst setzt. Das darf zum Beispiel nicht von der Politik oder von der Wirtschaft dominiert werden. Wenn beispielsweise die Gerda Henkel-Stiftung die Hochschule sponsert, dann heißt das nicht, dass die Familie Henkel bestimmt, wir haben die Geschichte des Waschmittels zu schreiben. So darf es nicht sein. Natürlich muss die Wissenschaft von außen bezahlt werden, entweder vom Staat oder von privaten Förderinstitutionen. Doch diese dürfen nicht vorschreiben, was und wie die Wissenschaftler dann zu forschen haben. Es ist Teil der Freiheit der Forschung, die ungemein wichtig ist, dass auch die Politik nicht bestimmen darf, nun solle die Geschichte Europas erforscht werden, weil das vereinte Europa ein aktuelles Thema in der Politik ist. Die Historiker müssen schon selbst wissen, was sie erforschen wollen oder nicht.

Etwas anderes ist natürlich, und da haben Sie vollkommen Recht, dass die Themen, die sich Historiker und überhaupt Geisteswissenschaftler setzen, etwas mit ihrer persönlichen Gegenwart, ihren Erfahrungen und Erkenntnissen zu tun haben. Aber wir müssen frei sein, das selbst zu wählen. Als Historiker muss man auch immer mit reflektieren, wie man mit seinen Fragestellungen in der eigenen Gegenwart verankert ist.

[16] Richtet man sich als Historiker mit seinen Publikationen nicht auch stark nach dem öffentlichen Interesse? Bestimmt nicht auch die Nachfrage der Leser die eigenen Veröffentlichungen?

Die meisten Bücher, die in den Geisteswissenschaften entstehen – Dissertationen und Habilitationen – werden oftmals allein im innerakademischen Feld rezipiert. Aber es stimmt natürlich schon, dass in einer Phase, in der man die Qualifikationsschriften hinter sich hat und wirklich frei ist, man vor allem das machen möchte, worauf man Lust hat. Ich persönlich möchte zum Beispiel gerne einmal eine historische Biographie schreiben, ganz bewusst auch für ein großes Publikum. Denn ich möchte auch gerne mal das, was ich für wichtig halte, einem größeren Leserkreis vermitteln – und nicht nur Studenten und Fachleuten im engeren Sinne. Historiker sollten nicht nur für andere Historiker schreiben.

Die Fragen stellten Tomke Ammermann und Seda Ipek. Das Interview entstand im Rahmen der Übung "Der Historiker im Interview" im Wintersemester 2011/12 an der WWU Münster. Während der Übung wurden zunächst Interviewtechniken miteinander erarbeitet, ehe im Anschluss an das Interview die verschiedenen redaktionellen Überarbeitungsschritte in Form einer "Redaktionskonferenz" gemeinsam begangen wurden.