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"Bildungsfernsehen sollte auch bilden!" Ein Gespräch mit Oliver Näpel über Chancen und Probleme von Geschichte im TV

Stimmen | | von Budkiewitz/Rüschenschmidt

  1. Oliver Näpel, "Film und Geschichte: 'Histotainment' im Geschichtsunterricht", in: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, Bd. 2, Schwalbach/Ts. 2012, S. 146-171.

Geschichte boomt. Neben erfolgreichen Museumsausstellungen werden Geschichtsthemen auch als Aufhänger für Drehbücher und Romane vermarktet und sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Dabei decken sich die Darstellungen nicht immer mit den Wünschen der Geschichtswissenschaft und der Geschichtsdidaktik, sondern unterliegen eher den Regeln des Fernsehens. Über Folgen, Probleme und Chancen dieser populären Darstellungsformen ist Dr. Oliver Näpel bestens im Bilde. Er forscht und lehrt am Historischen Seminar und am Institut der Didaktik der Geschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und zählt insbesondere visuelle und audiovisuelle Darstellung und Vermittlung von Geschichte sowie Historisches Lernen und 'Neue Medien' zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten. Gegenwärtig arbeitet er unter anderem an einem Internetportal mit geschichtsdidaktisch fundierten Rezensionen zu Ausstellungen, Romanen und Dokumentationen. Außerdem erscheint im April sein neuer Aufsatz über Histotainment im Geschichtsunterricht.1

[1] Jonas Budkiewitz/David Rüschenschmidt: Im letzten Film Quentin Tarantinos, "Inglourious Basterds", gelingt ein Attentat auf Hitler und die NS-Führungsriege. Wie differenzieren Sie zwischen diesem kontrafaktischen Film im Vergleich mit "Der Untergang" oder "Operation Walküre", die für sich historische Authentizität beanspruchen?

Oliver Näpel: Zwischen der Geschichtswissenschaft und den Unterhaltungswünschen der Zuschauer kann sich ein Spannungsfeld ergeben; entsprechend kritisch wird seitens der Geschichtswissenschaft die Gestaltung von Geschichte durch die Medien gesehen. Diese wollen mit historischen Elementen in erster Linie unterhalten. Es ist aber wichtig, einen Unterschied zwischen Filmen zu machen, die ausschließlich unterhaltend sind, und solchen, die über die Unterhaltung hinaus "historische Wahrheit" vermitteln möchten. Es ist letztlich maßgeblich, welche Ansprüche ein Film, sei es eine Dokumentation oder ein Spielfilm, für sich reklamiert.

Filme, die mit historischer Authentizität werben und suggerieren, dass das Dargebotene wahr, objektiv und auf dem neuesten Stand der Geschichtswissenschaft sei, müssen ganz klar anders bewertet werden als beispielsweise "Inglourious Basterds". Tarantinos Film weicht deutlich und bewusst von der historischen Realität ab und von allem, was die Geschichtswissenschaft dazu erarbeitet hat. Bei solchen Filmen lässt sich sagen, dass hier mit Geschichte gespielt wird. Das zu tun, ist meines Erachtens völlig legitim; kein Geschichtswissenschaftler wird deswegen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

[2] Welche Produktionen würden diese Reaktion denn eher heraufbeschwören?

Damit ist eher bei Filmen zu rechnen, die einen historischen Wahrheitsanspruch erheben. Denn solchen Produktionen muss auch der geschichtswissenschaftlich nicht vorgebildete Zuschauer in irgendeiner Form glauben können dürfen. Dafür sind verschiedene Kriterien von Nöten, denen ein Film entsprechen sollte, angefangen mit der geschichtswissenschaftlichen Korrektheit. Wenn dieser nicht entsprochen wird, muss man fragen, warum das nicht der Fall ist und aus welchem Grunde der Film trotzdem damit wirbt, geschichtswissenschaftlich korrekte Rekonstruktionen von Vergangenheit zu bieten.

[3] Was sind Konsequenzen dieser fehlenden Korrektheit?

Inkorrekte Darstellungen führen potenziell zu falschen Geschichtsbildern oder auch zu Ideologisierungen. Das ist insbesondere bei Dokumentationen der Fall, trifft aber auch für Spielfilme wie "Der Untergang" zu, die betonen, auf einen wissenschaftlichen Beirat zurückgegriffen zu haben. In diesem Kontext spielt auch die cross-mediale Verzahnung, die Präsenz im Internet und in Talkshows eine Rolle. Dabei wird immer wieder darauf gepocht, dass die Darstellung historisch korrekt sei, weil sie im Einklang mit den Quellen stehe. Dann wird es zumeist problematisch, nicht so sehr der Machart wegen, sondern weil häufig dennoch ganz klare Diskrepanzen zu den gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft zu erkennen sind.

[4] Wie bewerten Sie wiederum die satirische Behandlung des Nationalsozialismus?

Satirische Darstellungen von Nazi-Größen gibt es schon lange, das geht zurück auf Vorbilder wie Charlie Chaplins "Der große Diktator". Ich denke, dass auch nach Auschwitz und dem Wissen über die unfassbaren Verbrechen trotz allem die satirische Behandlung solcher Drahtzieher ein gängiges Mittel zur Auseinandersetzung mit der Thematik ist. Charlie Chaplin hatte es etwas einfacher, weil zu seiner Zeit noch nicht bekannt war, dass Hitler nicht nur ein verrückter Mensch war, sondern auf seinen Befehl hin millionenfacher Mord geschehen ist. Deshalb sind satirische, karikierende Darstellungen Hitlers nach dem Bekanntwerden des Ausmaßes des Holocausts sicherlich kritischer zu betrachten, weil zu befürchten ist, die Thematik als solche könne nicht mehr ernst genug genommen werden. Gänzlich unzulässig wird es dann, wenn der Kontext nur aufgrund von Marketing-Interessen aufgegriffen wird und die Produzenten dabei nicht realisieren, dass es Menschen gibt, deren Leid dadurch noch einmal vergrößert wird.

[5] Welche Probleme können im Zuge der satirischen Behandlung Hitlers und anderer Nazi-Größen auftreten?

Ich finde es im Zuge der künstlerischen Freiheit durchaus angemessen, Hitler und andere Führungspersonen der Nazis zu karikieren – meist erfolgt allerdings eine Konzentration auf Hitler, wodurch eine fragwürdige Fokussierung stattfindet. Aber solange der Nationalsozialismus nicht verherrlicht oder relativiert wird, müssen wir auch mit schlechten oder problematischen Filmen leben. Dies ist jedoch kein Problem. Schließlich bieten selbst diese die Gelegenheit, die grausame Seite des Nationalsozialismus und die Unzulänglichkeit unserer Erinnerung, sofern sie sich allein auf die Eliten fokussiert, zu thematisieren.

Die satirische Behandlung dekonstruiert zumindest manchen Mythos dieser Selbstinszenierungen, wenn man zum Beispiel Hitler als Verrückten darstellt und ihm die Maske der Selbstdarstellung vom Gesicht reißt. Dies lässt aber außer Acht, dass mehrere Millionen Deutsche wissentlich am Holocaust beteiligt gewesen sind und aktiv mitgemacht haben. Auch staatliche Institutionen, die Polizei beispielsweise, haben sich relativ einfach in dieses System integrieren lassen und waren an Deportationen und Erschießungen beteiligt. Das erklärt sich nicht, indem man sagt "da oben war ein Verrückter".

[6] Sie haben von einer unzulässigen Fokussierung auf Hitler und die NS-Führungsriege gesprochen. Was bringt diese mit sich und inwiefern ist sie unzulässig?

Hitler war zweifelsohne eine maßgebliche Kraft. Aber deshalb darf man nicht mit Hinweis auf Hitlers Charisma oder Verführungskraft zu einer Generalentschuldigung kommen, wie es viele Täter nach dem zweiten Weltkrieg getan haben. Die Fokussierung auf Hitler verdeckt die Tatsache, dass der Nationalsozialismus auf der Elitenebene gar nicht so unverständlich ist.

Es ist aber viel schwieriger zu begreifen, wer alles mitgemacht und weshalb sich so wenig Zivilcourage geregt hat und wie viele Menschen nun letzten Endes beteiligt und informiert waren. Das sind wichtige Themen der neueren und internationalen Holocaust-Education, die man in satirischen wie nichtsatirischen Filmen selten findet. Diese konzentrieren sich meistens auf die im negativen Sinne schillernden Führungs-Figuren und weniger auf die breite Zustimmung, das Mitmachen, das Sich-nicht-wehren, das Zuschauen, das Nicht-Wissen-wollen vieler Deutscher und anderer Beteiligter.

Probleme und Chancen von Geschichtsdokumentationen

  1. Wulf Kansteiner, zitiert in: Sven Felix Kelleroff, "Zu viel 'Geschichtspornographie' im Fernsehen", Die Welt vom 22.09.2006.

[7] Nun erfreuen sich gerade Guido Knopps „Infotainment-Produktionen“ größter Beliebtheit, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in 42 anderen Ländern ausgestrahlt werden. Bei Historikern genießt er allerdings keinen guten Ruf und wurde von Wulf Kansteiner sogar der "Geschichtspornographie"2 bezichtigt …

… wobei Wulf Kansteiner damit genau das gleiche macht, was er Guido Knopp vorwirft, nämlich polemisieren. Was soll das sein, Geschichtspornographie? Das ist ein sehr vager, reißerischer Ausdruck. Ich kann jemandem doch nicht in einer so hoch-unwissenschaftlichen Weise Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, da führe ich mich selber ad absurdum. Aber das finden Sie in vielen Feuilletonbeiträgen, die nicht weniger polemisch und reißerisch sind als die Sendungen, denen sie dieses vorwerfen. Als wollten sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. In der Sache mag die Kritik durchaus richtig sein, aber die Feuilletonisten bewegen sich im selben Medienverbund und unterliegen dessen Gesetzmäßigkeiten, werfen dann aber dem Macher genau das vor. Damit diskreditieren sie sich selbst.

[8] Machen sich Guido Knopp und andere Vertreter des Histotainments nicht auch ein Stück weit um die Geschichtswissenschaft verdient, wenn sie bewirken, dass sich mehr Menschen für Geschichte interessieren?

Worum er und seine Kollegen sich verdient gemacht haben ist, dass Geschichte einen festen Platz im Fernsehen hat. Leider ist das zur Primetime dann meistens die Geschichte, die geschichtswissenschaftlich so nicht vertreten wird.

Um die Geschichtswissenschaft aber macht er sich nicht verdient. Dazu sind die Interessen und auch die Ansichten von Geschichtswissenschaft und seinen Dokutainment-Sendungen zu unterschiedlich, sie funktionieren jeweils nach ganz anderen Gesetzen. Die Erzählweisen sind völlig unterschiedlich; die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft werden durch die Sendungen nicht bekannter gemacht, weil sie dort oft gar nicht aufgegriffen oder thematisiert werden. Und wenn die Leute zu weiterführender Literatur greifen, dann sind es meist Begleitbücher zu den einzelnen Sendungen. Ich beziehe mich jetzt nicht nur auf Guido Knopp – aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive taugt das alles nichts, auch die Begleitbücher nicht, weil sie häufig nachweisbar geschichtswissenschaftlich falsch oder zumindest zweifelhaft sind. Jetzt ließe sich diskutieren: Was ist eine lässliche Sünde, was muss man dem Unterhaltungsmedium Fernsehen auch zugestehen? Aber ich sehe das etwas strenger: Sendungen, die Bildungsfernsehen sein wollen oder sollen, müssen eben auch in irgendeiner Weise bilden. Ein Mindestmaß wissenschaftlicher Korrektheit muss dabei gegeben sein.

Was zudem noch kritisch zu bewerten wäre, ist das teleologische Geschichtsbild, das in solchen Sendungen wie "Die Deutschen", aber auch zum Beispiel in Museen wie dem "Haus der Geschichte" in Bonn vermittelt wird. Da wird Geschichte so dargestellt, als habe sie zielgerichtet und kontinuierlich auf die heutige Zeit zugesteuert und als seien wir die Spitze dieser Entwicklung. Brüche, Probleme und Wendepunkte werden häufig unterschlagen, ebenso wie die Tatsache, dass wir zwar technisch unheimlich weit entwickelt sind, es aber noch viele soziale und ethische Probleme in der Gesellschaft gibt, die zum Teil schon lange bestehen oder sich sogar verstärkt haben. Diese Aspekte werden aber bei der teleologischen Darstellung von Geschichte, wie sie meistens von den Dokutainmentformaten geboten wird, nicht berücksichtigt.

[9] Guido Knopps Steckenpferd scheint neben der Nachkriegszeit der Nationalsozialismus zu sein, den er in vielen Sendungen thematisiert. Auch Sie haben diese Hitler-Sendungen schon deutlich kritisiert …

  1. Oliver Näpel, "Historisches Lernen durch 'Dokutainment'? – Ein geschichtsdidaktischer Aufriss. Chancen und Grenzen einer neuen Ästhetik populärer Geschichtsdokumentation, analysiert am Beispiel der Sendereihen Guido Knopps", Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Jg. 2 (2003), S. 213-244; hier als PDF.

Die sehe ich in der Tat sehr skeptisch, und das habe ich auch entsprechend deutlich in einem Aufsatz formuliert.3 Denn da wird genau das falsche Hitlerbild, ein von der Geschichtswissenschaft nicht getragenes Hitlerbild gezeichnet und verbreitet. Den Nationalsozialismus allein auf Hitler und die obersten NS-Eliten zu reduzieren sowie das Charisma und die Verführungskraft Hitlers als unwiderstehlich herauszustellen, bewirkt eine Generalentschuldigung des deutschen Volkes. Das hilft bei dem Versuch nicht weiter, den Nationalsozialismus zu verstehen und auch Lehren aus der Aufarbeitung zu ziehen. Das ist auch, was ich eigentlich kritisiere. Es ist weniger die Machart, sondern die fragwürdige Deutung durch solche Fokussierungen.

[10] Der Liedermacher Rainald Grebe persifliert in einem seiner Lieder Guido Knopp aus der Sicht eines Konsumenten mit den Zeilen „Er ist mein Gedächtnis, was ich weiß habe ich von ihm“ oder "Ich will es mir immer wieder anschauen und nichts mehr drüber lesen". Das ist auch eine eindeutige Kritik an den Zuschauern. Bedient denn Guido Knopp nicht einfach nur das bestehende Interesse nach emotionalisierenden, wohlig-kribbelnden Geschichtserlebnissen? Sind die Konsumenten nicht selbst dafür verantwortlich, was ihnen vorgesetzt wird?

Er bedient ganz klar Zuschauerinteressen, sonst hätte er keine Einschaltquote, das ist sicherlich richtig. Aber eben nicht die Interessen der ganzen Gesellschaft, dafür schaut, trotz hoher Quoten, kein repräsentativer Durchschnitt der Bevölkerung zu. Er erreicht eher Leute jenseits der 49 als jüngere Menschen, es sei denn, sie werden in der Schule damit konfrontiert.

Ich denke, dass Guido Knopp in gewissen Schichten, wahrscheinlich die geschichtsinteressierten älteren Menschen, einen großen Zuspruch erfährt, deren Interessen er offensichtlich bedient. Aber er entwickelt sich nicht weiter und erreicht vielleicht auch deshalb keine breiten, 'neuen' Schichten. Das einzige, was ich sehe, ist die technische Weiterentwicklung, diese cross-mediale Aufbereitung, zum Beispiel durch eine technisch sehr ansprechende Internetseite. Von daher weiß ich jetzt nicht, ob man sagen kann, er träfe das bestehende Interesse. Er produziert größtenteils reine Unterhaltung, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

[11] Besteht denn die Möglichkeit, Geschichtsdokumentationen so zu gestalten, dass sie bei den Zuschauern neben Unterhaltung auch differenzierte und geschichtsdidaktisch wertvolle Geschichtsbilder erzeugen?

Jetzt wäre die große Frage, ob es überhaupt funktioniert, durch solche Sendungen tatsächlich gleichförmige Geschichtsbilder zu vermitteln. Es handelt sich bei solchen Kommunikationszusammenhängen ja nicht um einfache Reiz-Reaktions-Schemata. Es läuft nicht so, dass ich den Betrachtern ein wie auch immer gefertigtes Geschichtsbild vorsetze und dieses Geschichtsbild dann auch im Kopf des Betrachters entsteht. Es gibt natürlich plausiblere Interpretationsangebote und weniger plausible, eine gewisse Botschaft ist im Material schon angelegt. Aber diese Botschaft kommt längst nicht in der ursprünglichen Intention bei jedem an. Und wenn Sie solche Sendungen Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen zeigen, werden sie entsprechend variabel aufgenommen. Dann kommt hinzu, in welchem Kontext man mit diesen Sendungen konfrontiert wird: Sieht man sie in der Schule oder privat? Mit wem redet man darüber, redet man überhaupt darüber? Das ist alles überhaupt nicht genügend erforscht und wird in aller Regel auch nicht empirisch erhoben beziehungsweise begleitet. Zur Entstehung von Geschichtsbildern gibt es kaum verlässliche Untersuchungen. Man hat das bei "Der Untergang" versucht, aber in den Studien ließen sich allenfalls Neigungen der Betrachter feststellen, die durch den Film möglicherweise beeinflusst wurden, wobei auch da nicht trennscharf erhoben werden konnte, inwieweit diese Neigungen vorher schon da gewesen waren. Jedenfalls ist ein monokausales Erzeugen konkreter Geschichtsbilder in dieser Form nicht sehr wahrscheinlich und bislang auch nicht nachgewiesen. Als Korrektiv funktionieren Dokumentationen daher ebenfalls nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wenn Sie einem Rechtsradikalen eine Sendung über die Verbrechen Hitlers und vieler Deutscher im Nationalsozialismus zeigen, dieser ganz andere Schlüsse daraus zieht, als jemand, der dieser Ideologie ablehnend gegenüber steht. Von daher sind solche Formate sogar als Aufklärungsmedium fraglich beziehungsweise von begrenzter Erfolgsaussicht.

[12] Welche Erwartungshaltung haben Sie denn gegenüber den Medien bezüglich der Darstellung von Geschichte?

Ich denke, dass die Medien nicht nur die Chance, sondern sogar die Verpflichtung haben, Geschichte anders zu präsentieren als es die Geschichtswissenschaft macht. Es muss aber mindestens transparent werden, dass selbst Dokumentationen keinen Wahrheitsanspruch erheben können, weil es diese Wahrheit im ureigentlichen Sinn nicht gibt. Sie müssen benennen, dass sie allenfalls bemüht sind, in spannender und unterhaltender Form historische Informationen darzustellen. Viele Themen bleiben nun einmal kontrovers oder gar offen und ihre Deutung kann sich mit der Zeit ändern. Auch das müssten Dokumentationen verdeutlichen.

Terry Jones als besserer „Histotainer“

[13] Haben Sie ein positives Beispiel für gute, historische Dokumentationen?

Ich weiß nicht, ob Sie die Reihen von Terry Jones kennen, Medieval Lifes und auch Barbarians sind zwei Produktionen von ihm. In denen geht er auch der Frage nach, was historische Bildung im eigentlichen Sinne bedeutet und wie wir uns dem Konzept der historischen Bildung nähern.

[14] Können Sie den Begriff der historischen Bildung näher erläutern?

Historische Bildung meint nicht allein Wissenstransfer. Sicherlich sind Faktenkenntnis und Faktenaneignung notwendige Bestandteile, aber wichtiger für historische Bildung ist eigentlich das Erkennen, dass es im Prinzip immer um Deutungen geht und um kritisches Hinterfragen der gebotenen Deutungen – einschließlich der eigenen. Diese sollten wissenschaftlich fundiert sein, eine gewisse Plausibilität haben, sie sind aber nicht in Stein gemeißelt. Geschichte ist nicht gleich Vergangenheit; wir haben es mit Deutungs- und Rekonstruktionsversuchen zu tun. Schon die Fragestellung, die man sich stellt, schränkt dahingehend ein, was aus der Aufarbeitung ableitbar ist. Die nächste Frage ist, welche Quellen mir überhaupt zur Verfügung stehen: Es gibt nicht zu allen Bereichen Quellen, so dass auch Historiker aufgrund großer Quellenlücken fiktional arbeiten, wenn wir eine zusammenhängende Erzählung erstellen wollen. "Was ist in der Zwischenzeit passiert, wie muss man sich den weiteren Verlauf vorstellen?" Das ist schon alles sehr stark Deutung und Interpretation. Aber dafür gibt es Regeln, damit dies möglichst plausibel wird, und hält man diese ein, kann man sagen: "Dies entspricht ungefähr der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Forschung."

[15] Und auf Terry Jones bezogen?

Terry Jones zeigt genau diesen Prozess in seinen Sendungen, indem er zum einen bekannte Stereotype als Ausgangspunkt seiner Sendungen nimmt, beispielsweise zu 'den Barbarenvorstellungen' in der Antike. Er wirft zum Beispiel Fragen auf wie: "Waren das wirklich alles Barbaren und woher wissen wir das eigentlich? Ach, das wissen wir nur von den Römern? Die waren ja auch noch deren Feinde. Wir wissen ja, wie das ist, wenn Feinde den Besiegten beschreiben, das muss man so nicht glauben." Dann geht er auf Spurensuche und fragt: "Finden wir noch andere Quellen?" Er zeigt, wie Quellensuche funktioniert. Weiter fragt er auch Experten, die deutlich machen, dass es sich damals wie heute um Interpretationen handelt. Darüber hinaus findet Terry Jones auch Quellen, die belegen, dass das römische Bild der germanischen Völker ein unvollständiges gewesen ist, das zum Teil als Feindpropaganda konstruiert wurde. So wird klar, dass diese "Barbaren" aus dem heutigen Verständnis eben keine Barbaren waren, sondern durchaus eigenständige, zivilisierte Kulturen. Er bricht damit falsche Vorstellungen auf, und das ist im Prinzip das, was auch ein Historiker macht. Indem Jones dies – zudem stets mit leichter Ironie – transparent macht, wirkt es unterhaltsam und spannend. Gewiss hat auch er nachgestellte Szenen in seinen Produktionen, beispielsweise einen römischen Angriff. Es geht gar nicht darum, ob diese Elemente, die teilweise kritisiert werden, gut oder weniger gut gelungen sind. Zur Antike und zum Mittelalter habe ich eben kein Filmmaterial und könnte alternativ allenfalls Bücher oder Wandteppiche abfilmen – aber das ist auf Dauer doch schlichtweg langweilig. Das würde ich mir auch nicht angucken wollen – Fernsehen ist eben ein anderes Medium und hat damit auch andere Aufgaben.

Pluralisierung der Geschichte?

  1. Aleida Assmann, "Druckerpresse und Internet", Frankfurter Rundschau vom 18. Januar 2003, S. 19.

[16] Inwiefern stehen reißerische Momente im Zusammenhang mit dem Druck nach Quote? Könnte man eine Qualitätsverbesserung erzielen, wenn der Quotendruck wegfiele? Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann beispielsweise erkennt eine „Abkehr der Gedächtniskultur, hin zu einer Kultur der Aufmerksamkeit, Oberflächlichkeit, Geschwindigkeit und Supermarkt“.4 Damit meint sie, dass über die Inhalte nicht nachgedacht wird und die Eindrücke nur kurzweilig seien. Als Extrembeispiele können "Rome" und "Die Tudors" herhalten, bei denen der Inhalt kaum länger eine Rolle spielt, dafür die sexuelle Aufladung und Gewalt umso mehr.

Die Frage ist, ob das nicht schon immer so war. Immer schneller, bunter, schriller ist sicherlich auch dem Quotendruck geschuldet. Das ist aber ein Druck, den man sich selber macht, weil man versucht ist, den Konkurrenten zu toppen. Nein, es muss ein Umdenken stattfinden. Man müsste eben die rein unterhaltenden Elemente schlicht als rein unterhaltende Elemente kennzeichnen und zugeben, dass es zwar aussieht wie eine Dokumentation, aber mit allen künstlerischen Freiheiten umgegangen wird. Auch dass die geschichtswissenschaftliche Deutung nicht zu viel mit der Dokumentation gemein hat, könnte man transparenter machen. Ich denke jetzt nicht an Serien wie "Die Borgias" oder "Rome", dafür sind die Zuschauerinteressen zu anders gelagert. Diese sind im Prinzip Spielfilme, die recht frei mit dem historischen Material umgehen. Was mich als Historiker und Geschichtsdidaktiker stört, ist, dass immer wieder als kommerzielles Merkmal angeführt wird: "So war es, wir haben einen wissenschaftlichen Beirat". Und auch der ganze Medienapparat, die sogenannte cross-mediale Vermarktung schlägt ja in dieselbe Kerbe. Betrachten Sie doch einmal, wie die Bild-Zeitung "Die Borgias" gepuscht hat, wie voyeuristisch hier Sex und Gewalt unter dem Deckmantel der seriösen Geschichtsauseinandersetzung auch in der Zeitung inszeniert und thematisiert, sozusagen ausgeschlachtet wurden. Wenn man einfach ehrlich sagt: "Wir wollen nur unterhalten, das hat mit dem alten Rom oder in diesem Fall mit der Renaissance/Frühen Neuzeit nicht wirklich etwas zu tun, aber wir haben hier einen schönen Aufhänger für Kostüme und für viel nackte Haut und einige Kampf- und Actionszenen und aus keinen anderen Gründen", dann hätte ich damit weit weniger Probleme. Abgesehen davon habe ich die Serie "Rome" gern gesehen – nur habe ich sie nicht ernst genommen. Zugleich müsste man andererseits auch die Chance nutzen, die ernsthaften Formate wie Dokumentationen konzeptionell stärker in Richtung historischer Bildung auszurichten. Da herrscht akuter Verbesserungsbedarf. Historische Fakten müssen nicht langweilig sein. Zur Not könnte man ein "wir wissen es nicht, diese Szene ist frei erfunden" oder "so stellen wir uns das vor, auch wenn geschichtswissenschaftliche Quellen das so nicht hergeben" einfügen, wenn man gar nicht darauf verzichten möchte.

[17] Sie haben die Autorität der Geschichtswissenschaft betont. Verfügt diese über eine Monopolstellung?

Wir haben insofern ein Monopol, als dass die Geschichtswissenschaft die Instanz ist, die geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse produziert und kontrolliert. Was jedoch in die Öffentlichkeit eingespeist wird, liegt außerhalb ihrer Kontrollmöglichkeiten. Ganz im Gegenteil, da spielt sie – mit Ausnahme von High-Budget-Produktionen – so gut wie gar keine Rolle. Diese haben zumeist einen kleinen wissenschaftlichen Beirat. Aber dort ist man als Historiker auch nur Stofflieferant und davon abhängig, ob wirklich geschichtswissenschaftliche Erkenntnis oder eben doch nur Anekdoten selektiv herausgezogen werden, um eine telegene Geschichte zu erzählen.

  1. Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis: Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 178.

[18] Das fügt sich nahtlos ein in die pessimistische These Aleida Assmanns, die davon spricht, dass Geschichte heute "neben den Professoren auch den Politikern, den Ausstellungsmachern, den Geschichtswerkstätten, den Filmregisseuren, den Künstlern, den Infotainern und den Eventregisseuren" gehöre: "Die Geschichte verlagert dabei ihren Schwerpunkt von der Universität zu dem Kulturbetrieb des Marktes."5 Könnte man daraus schließen, dass wir einer Zweiteilung der Geschichte beiwohnen, in einen wissenschaftlichen und einen populären Bereich?

Das war vermutlich nie anders. Wir haben in der heutigen Medienlandschaft andere Zustände und deswegen scheint es uns so, als sei es aus dem Gleichgewicht geraten, aber es war meines Wissens noch nie in einem Gleichgewicht. Wir haben heutzutage insgesamt relativ viel Freizeit und eine gute technische Ausstattung der meisten Haushalte, Prekariat hin oder her. Daher finden Sie in jeder Sparte eine unüberschaubare Fülle an Angeboten, die auf dem Freizeitmarkt konkurrieren. Daher scheint auch Geschichte stärker präsent zu sein. Was von den geschichtlichen Formaten dann tatsächlich geguckt wird und von wem, wären die nächsten spannenden Fragen und ob sich dieses Nutzungsverhalten in denselben Verhältnissen wie früher bewegt. Da hatte man auch in der Schule Geschichte und danach? Die geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse sind in Zeiten vor dem Fernsehen noch gar nicht weit transportiert worden. Es gibt das Bildungsbürgertum, das auch Ausstellungen besucht, die wiederum ein enormes Zuschauerwachstum verzeichnen. Aber man hat auch dort herausgefunden, dass kaum mehr Menschen in die Museen gehen, sondern es vielmehr meistens dieselben sind, die einfach öfter gehen. Dazu gibt es Zeitschriften und das Internet. Insgesamt gibt es durch die Veränderung in der Gesellschaft ein viel breiteres Angebot, wenn auch nicht im qualitativ zufriedenstellenden Maße. Letztlich bleibt aber die Grundlage das, was die Geschichtswissenschaft an Erkenntnissen produziert. Man kann eigentlich eher sagen, dass mit der Zunahme der medialen Vielfalt und der Wahrnehmung solcher Angebote die Geschichtswissenschaft weiterhin den Grundstoff liefert, wie sie das schon immer getan hat. Insofern besteht zwischen den Bereichen, die Sie aufgezeigt haben, die es aber schon immer so gab, doch noch eine große Konnektivität.

  1. Vgl. Norbert Frei, zitiert in: Kellerhoff, "Geschichtspornographie" (wie Anm. 2).

[19] Auch auf dem deutschen Historikertag 2006 in Konstanz ging es auch um das Thema "GeschichtsBilder". Der Jenaer Professor Norbert Frei hat im Prinzip alles sehr harsch kritisiert, was auch nur im Entferntesten am Publikum orientiert ist. Nicht nur die Produktionen von Guido Knopp, sondern auch TV-Formate oder das Haus der Geschichte bekamen ihr Fett ab.6 Inwiefern zeigt die Geschichtswissenschaft hier Abgrenzungstendenzen gegenüber dem am Publikum orientiertem Geschichtsangebot?

Ich persönlich sehe da keine Abgrenzung. Aber wie gesagt, wenn man historische Bildung verspricht, dann muss man sich die unbequemen Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel die Frage, warum eine Sendung, die suggeriert, historische Bildung zu vermitteln, falsche oder zumindest zweifelhafte Darstellungen als Wahrheiten präsentiert. Es wäre vermessen, eine hundertprozentige Korrektheit einzufordern, dies würde auch nicht den Bedürfnissen der Konsumenten entsprechen – einzulösen wäre es wohl ohnehin nicht. Ich wünsche mir jedoch einfach einen intensiveren Dialog zwischen den Machern und den Leuten, die so etwas als ihre Profession gelernt haben, den Geschichtsdidaktikern. Und das passiert leider einfach nicht. Da bleibt uns nur die Kritik, um zu sagen, dass das Produzierte wissenschaftlich falsch und auch didaktisch ziemlicher Mist ist, sofern dies der Fall ist.

[20] Kritisieren Sie sich damit nicht auch selbst, wenn Sie sagen, dass es zu wenig Austausch gebe? Kommt nicht auch schlichtweg zu wenig von Seiten der Geschichtsdidaktiker?

Wir können ja nur das Gesprächsangebot machen – über Publikationen oder das Feuilleton, wenn man so wie Norbert Frei in diesem medialen Apparat ist. Wenn sich das in so polemischen Ausdrücken wie Kansteiners "Geschichtspornographie" äußert, verstehe ich aber auch Guido Knopp und andere, wenn sie sagen, "mit dem rede ich erst gar nicht". Aber es ist in der Regel so, dass Geschichtsproduzenten nicht auf Geschichtsdidaktiker zugehen, weil ihnen überhaupt nicht bewusst ist, dass historische Bildung ein Ziel sein könnte und dieses nicht mit Wissenstransfer gleichzusetzen ist. Ich will gar nicht sagen, dass es nur Unwille ist, aber wohl Unwissenheit, dass kein Interesse an den Wünschen und Vorschlägen der Geschichtswissenschaftler und Geschichtsdidaktiker besteht. So hatte ich einmal ein persönliches Gespräch mit Guido Knopp, dessen Hitler-Sendungen ich in dem erwähnten Aufsatz harsch kritisiert habe, ohne polemisch geworden zu sein. Er kannte ihn nicht und es hat ihn auch nicht interessiert. Oder auch die Episode, dass ich auf dem Historikertag die Internetpräsentation des Deutschen Historischen Museums vor den Augen des Direktors, der die Seite im vorhergehenden Vortrag über den grünen Klee gelobt hatte, aus geschichtswissenschaftlicher und -didaktischer Sicht fundiert kritisiert habe: Dennoch kam kein anschließendes Gespräch zustande, in dem man Verbesserungsmöglichkeiten hätte ausloten können. Nein: Wir Didaktiker und Wissenschaftler sind durchaus gesprächsbereit und wir sitzen hier auch nicht im akademischen Elfenbeinturm. Aber solange die Macher die Gespräche verweigern, wird sich an der Qualität der Sendungen und anderen Angebote vermutlich kaum etwas ändern. Aber vielleicht sind sie dann wenigstens unterhaltend.

Die Fragen stellten Jonas Budkiewitz und David Rüschenschmidt. Das Interview entstand im Rahmen der Übung "Der Historiker im Interview" im Wintersemester 2011/12 an der WWU Münster. Während der Übung wurden zunächst Interviewtechniken miteinander erarbeitet, ehe im Anschluss an das Interview die verschiedenen redaktionellen Überarbeitungsschritte in Form einer "Redaktionskonferenz" gemeinsam begangen wurden.